HOME   |   IMPRESSUM   |   AGB   |   SITEMAP   |   KONTAKT
motary

Bestellen über den Fernseher, Lieferung frei Haus: das neue Nahversorgungssystem

 

Essen auf Knopfdruck


Von Petra Tempfer(erschienen in: Wiener Zeitung, November 2012)

 

  • Entkoppelung von Öffnungszeiten und Ladenschluss durch asynchrone Lieferung.

Wien.

Nicht nur ein spannender Film, sondern auch die Liste all der Angebote eines Supermarktes sorgt mitunter für Verzückung.

 

Nicht nur ein spannender Film, sondern auch die Liste all der Angebote eines Supermarktes sorgt mitunter für Verzückung.corbis Nicht nur ein spannender Film, sondern auch die Liste all der Angebote eines Supermarktes sorgt mitunter für Verzückung.corbis

Die Fernbedienung in die Hand genommen, den Fernseher eingeschaltet, ein paar Tasten gedrückt - und das Essen, auf das man gerade Gusto hat, wird direkt in die Wohnung geliefert. Eine Szene aus dem Schlaraffenland? Weit gefehlt. So sieht jenes Projekt Sepp Baldrians, Gründer der Initiative "Motary" für Menschen mit Behinderung, aus, das er gemeinsam mit dem deutschen Unternehmer Jürgen Knittel ins Leben gerufen hat.

 

Das Konzept dahinter: die Entkoppelung von Öffnungszeiten und Ladenschluss durch ein "intelligentes Nahversorgungssystem mit asynchroner Lieferung", erklärt Baldrian im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Nicht nur alte oder gehbehinderte Menschen hätten Probleme, zu einem Supermarkt zu gelangen. "Die Nahversorgung von einst und den Greißler um die Ecke gibt es nicht mehr, Einkaufszentren liegen oft weit außerhalb", sagt Baldrian - wodurch es auch für die meisten Berufstätigen zum Problem werde, noch schnell vor Ladenschluss Waren des täglichen Bedarfs zu ergattern. "Vom Waschmittel angefangen über Gemüse bis hin zu Toilettenpapier."

Warum die Bestellung über den Fernseher? "Weil das ein Apparat ist, der jedem - auch Älteren - vertraut ist", meint Baldrian. Die geringste Voraussetzung: ein HDMI-Fernseher mit Internet-Zugang. Über die Fernbedienung wählt man einen speziellen Kanal aus - also drückt zum Beispiel die Taste neun -, "und schon hat man alle Angebote der Supermärkte, die in das System involviert sind, auf einen Blick auf dem Bildschirm", so Baldrian. Ebenfalls über die Fernbedienung erfolge die Bestellung. Wer mit dem Internet besser vertraut ist, kann diese auch über Computer, Tablet oder Handy abgeben.

Gezahlt wird in jedem Fall via Wertkartensystem: Mit einem Einkaufskonto samt Code, über das Identifizierung und Bezahlung erfolgen. Ein Betrag in beliebiger Höhe kann vom Girokonto aufs Einkaufskonto überwiesen werden - Letzteres kann allerdings nicht überzogen werden.

Bis das Gewünschte von der Bestellliste zum Zentrallager der Supermarktketten und schließlich in die Wohnung des Betroffenen vor dem Fernseher gelangt, lässt sich laut Knittel ein Zeitfenster von höchstens 24 Stunden erreichen. Von wesentlichem Vorteil sei in der gesamten Lösung die asynchrone Belieferung, also eine sichere Zustellung der Ware, selbst wenn niemand zuhause ist. "Möglich gemacht durch ein elektronisch gesichertes Empfangssystem: ein Kasten ähnlich einem Vorratsschrank vor der Eingangstür, der nur mit einem elektronischen Code geöffnet werden kann." Die Lieferanten bekämen den Code kurz vor der Auslieferung zugeschickt. Für Mehrfamilienhäuser wäre laut Knittel ein zentrales Empfangssystem etwa im Keller möglich.

Europaweit Interessenten
"Bereits ab 10.000 Teilnehmern kann das System für große Handelsunternehmen, die über eine Option für den Onlinehandel verfügen, ökonomisch sinnvoll werden", sagt Knittel. Würden sich Konsumenten verpflichten, um etwa 1000 Euro pro Jahr einzukaufen, würde sich die Installation des elektronisch gesicherten Kastens für den Händler zunehmend rentieren - und die Produkte könnten mitunter billiger als im Geschäft verkauft werden.

Interessenten für dieses System (Handelsketten, Logistikunternehmen und Pharmazeuten) gebe es bereits europaweit, so Knittel. Und auch in Österreich ist laut Baldrian ein Testlauf mit 500 Haushalten geplant.

Der "Motary"-Gründer hat bereits viele weitere Projekte, vor allem zur Unterstützung von Menschen mit Behinderung, gestartet - nicht alle fanden Anklang. So zum Beispiel das Videohandy mit Webcam-Funktion und Internetzugang, das Baldrian 2010 als Telefon für Gehörlose auf den Markt bringen wollte. In Relay-Centern wären die gesprochenen Worte in Gebärdensprache oder Schriftsprache übersetzt und auf den Bildschirm des gehörlosen Menschen übertragen worden.

Ein Dolmetsch-System also, wie es in Nachbarländern wie Deutschland oder der Schweiz bereits existiert. Die Telekom-Austria war zwar in konkrete Gespräche involviert - die Umsetzung ist jedoch bisher an den rund 500.000 Euro Kosten pro Center gescheitert, für die sich keine Finanziers fanden. "Den Rahmen des Sozialministeriums würden die österreichweiten Gesamtkosten von mehreren Millionen Euro in jedem Fall sprengen", hieß es damals aus dem Ministerium.

Erfolgreich war indes Baldrians Einsatz für "Comforttaxis", wie er sie nennt: behindertengerechte Autos, in die auch Rollstuhlfahrer bequem einsteigen können. Zahlreiche Taxis dieser Art sind bereits in Österreich im Einsatz. "Würde man mehr investieren, das Leben barrierefrei zu machen, könnte man langfristig Sozialkosten sparen", sagt Baldrian überzeugt. "Durch Hilflosigkeit verliert der Mensch jedoch seine Würde."


search


Unsere Newsletter informieren Sie regelmäßig

Ihr Name:


Email: